Die Mittelmühle (Dieter Schnell, 2002)

Wenn man bedenkt, dass Büren einst 'Hauptstadt' einer Kleinherrschaft war, die sich an der Grenze zwischen den Großmächten Köln und Paderborn bis zum Tode des Edelherrn Moritz v.Büren (+1661) und bis zum Übergang an die Jesuiten zu behaupten vermochte, dann wundert es ein wenig, im Stadtbild kaum noch bauliche Spuren seiner ehemaligen Bedeutung ausmachen zu können. Sieht man von den Resten der Stadtmauer ab, so erinnern als Profanbauten lediglich die beiden Mühlengebäude an der Alme an die Blütezeit der Edelherren im 13. und 14.Jahrhundert: Büren war bis weit ins 20.Jht. eine Stadt der Mühlen. So baufällig, aber auch so idyllisch wie heute die Mittelmühle erscheint, so unverzichtbar und so zweckbestimmt war sie einst für die Bevölkerung - nicht nur der Stadt, sondern aller umliegenden Dörfer. Die gesamte Ernährung der Bevölkerung - ob Brot, Brei oder Bier - stützte sich fast ausschließlich auf Getreideprodukte, so dass die Instandhaltung der Mühlen zu den weit vorrangigen Interessen der edelherrlichen Stadtobrigkeit, vor allem aber der gesamten Bürgerschaft gehörte. Die Gründung der Burg-Stadt Büren um 1195 ist kaum vorstellbar ohne die gleichzeitige Anlage mindestens einer Mühle, die - wennauch auf anderer Ebene - der Stadtkirche an Bedeutung nicht nachstand. Für die Auswahl des Stadtareals war der Schutz durch gleich zwei Flüsse ebenso maßgebend wie deren Wasserkraft, ohne welche die rasche Anwerbung von Stadtbürgern nur schwer erklärbar wäre.

Der Anblick der heutigen Mittel-Mühle lässt weder ihre ehemalige Bedeutung noch ihr hohes Alter von ca. 750 Jahren erahnen. Als idyllisch gelegener Baustein inmitten protziger Jesuitenbauten und einer anmutig natürlichen Flussniederung wirkt sie verkommen und verträumt zugleich. Mit ihren neuzeitlichen schlanken windgetriebenen Namensvettern auf den Anhöhen hat sie nichts, aber auch gar nichts gemein. Büren war stets eine Stadt der Wasserräder und nicht der Windräder. Ob die Mittelmühle den Windrädern die öffentliche Aufmerksamkeit neidet? - Immerhin kann sie sich darauf berufen, bis zur Elektrifizierung eine ungeteilte und weit überlegene Wertschätzung gefunden zu haben. Und ihr Aussehen wie ihr verstaubtes, jedoch weitgehend komplettes Innenleben regen einen Kulturhistoriker ebenso zum Träumen an wie einen Ortsgeschichtler: Die älteste Überlieferung einer Bürener Mühle (anno 1256) bezieht sich auf diejenige bei der sog. 'Neustadt' und meint daher die längst verschwundene Ober- oder Klostermühle, zu der man - laut alten Überlieferungen - von der heutigen Briloner Straße aus nur über eine "Leiter" (stufige Stiege) gelangte. Als nächste wird die "Niedermühle am unteren Stadttor neben der Burg" samt einer angegliederten kleinen Bokemühle genannt (1333). Die Mittelmühle wird namentlich zwar erst anno 1529 erwähnt, aber es besteht kein Zweifel, dass sie bereits zu den ersten Mühlen gehörte, da in den älteren Überlieferungen wiederholt von mehreren (!) Alme-Mühlen im Stadtbereich gesprochen wird (1335). Die gen. Kloster-Mühle hatte weder für die Bürener Bürgerschaft noch für die Edelherren eine erkennbare Bedeutung. Sie war ausschließlich der Eigenversorgung und den abhängigen Bauern des Zisterzienserinnen-Klosters Holthausen vorbehalten, dessen Ordensstatuten - mehr als andere Orden - die Unabhängigkeit von weltlichen Fremd-Ansprüchen betonten, so dass selbst die Edelherren (1243) gegenüber der von ihnen selbst gegründeten (1243), vielfach begünstigten und als Familienkloster (Begräbnisstätte) genutzten Niederlassung keinerlei weltliche Teilhabe hatten. - Ihre Hausmühle war die Niedermühle am Burg- oder unteren Stadttor. Sie stand auf dem Areal des Burggeländes und diente anfangs vorrangig der Selbstversorgung der Edelherren und ihrer Burgmannschaft. - Die Mittelmühle aber war die eigentliche Stadtmühle. Die Bürgerschaft war zwar de iure kein Eigentümer, sondern nur  Nutzungsberechtigter, aber hierin unterschied sie sich nicht von den Rechtsverhältnissen nahezu aller Städte. Die Mühle war Besitz der Stadtobrigkeit. Dabei ging es den Edelherren nicht nur um die scheffelweise berechneten Einkünfte aus dem Mühlenbetrieb, sondern in ganz besonderem Maße darum, sich ihre Wasserrechte nicht mit anderen teilen zu müssen. Was wäre gewesen, wenn die Stadt sich angemaßt hätte, den Mühlengraben an der Mittelmühle so zu stauen, dass die edelherrliche Niedermühle im Trocknen gestanden hätte? - Dem Risiko, dass die Bürgerschaft 'Oberwasser' erhalten oder ihnen 'das Wasser abgraben' könnte, beugten die Edelherren dadurch vor, dass sie sich die gesamten Wasserrechte auf der Alme - einschließlich Fischereirecht - bedingungslos vorbehielten und der Bürgerschaft lediglich an der Afte den Betrieb von Wassermühlen - allerdings keiner Kornmühlen ! - gestatteten. Die Edelherren nutzten die Alme zur Anlage des Mühlengrabens, zur Versorgung ihrer Burg, vermutlich auch zur Flutung eines Burggrabens, zur Speisung ihrer Fischteiche (anno 1372), vor allem aber zur gewinnbringenden Unterhaltung von wassergetriebenen Kornmühlen. Die Verantwortung der Edelherren für die stete Betriebsbereitschaft der Wassermühlen war aber nicht nur in der gesicherten Rendite begründet, sondern vor allem darin, dass Bau und Unterhaltung überaus kostenaufwendig und zudem an hoheitliche Zusatzberechtigungen gebunden waren: Der Rückstau bedurfte oft großer Flächen; möglichst abriebfeste Mahlsteine mußten teuer bezahlt und weit her geholt werden; stete Reparaturen waren auf den jederzeit verfügbaren Besitz an kernigem Eichenholz angewiesen usw. - Eine Mühle war daher stets eine überaus wertvolle Immobilie, die die Edelherren in Zeiten besonders dringenden Geldbedarfs bevorzugt verpfändeten. Zur Sicherung der Rendite aus dem Mühlenbetrieb stand den Edelherren der Mühlenbann zu: Sowohl die Stadtbürgerschaft wie auch die dörflichen Untertanen waren verpflichtet, ihr Getreide ausschließlich und gegen Gebühr auf edelherrlichen Mühlen mahlen zu lassen (Mahlzwang). Vereidigte Müller hatten für eine gewissenhafte Abrechnung Sorge zu tragen, worunter ihre Beliebtheit bei den Kunden nicht selten litt, zumal sie stets der Verlockung ausgesetzt waren, Korn zu unterschlagen oder sich eine Abweichung von der altsächsischen Rechtsvorschrift "Wer zuerst kommt, mahlt zuerst!" vergüten zu lassen. Der hierin begründete Argwohn deutet sich in einer Überlieferung (1545) an, bei welcher der Bürener Müller verpflichtet wird, die Einkünfte aus dem Mahlpfennig in einer Truhe zu sammeln und aufzubewahren, die mit 10 Schlössern versehen sein soll.

Das Gesamt der mittelalterlichen Überlieferungen zeichnet ein sehr anschauliches Bild von der Mittelmühle und seiner nächsten Umgebung: Wie die Niedermühle befand sie sich in unmittelbarer Nähe eines Stadttors, der sog. Mühlenpforte. Die noch heute erhaltenen, weit über einen Meter dicken und sich nach oben verjüngenden, weitgehend fensterlosen Bruchsteinwände schätzten sie vor feindlichen Angriffen. Sie stand just außerhalb der Stadtmauer, war aber - bei Gefahr - durch das Mühlentor von der wehrhaften Bürgerschaft - insbesondere den Schützen - augenblicklich erreichbar. Früh mag sie ein Schieferdach erhalten haben, um vor Brandpfeilen geschützt zu sein. Unter dem hoch aufragenden Dach befand sich der Kornspeicher - schwer erreichbar für Diebe, Mäuse und vor allem Nässe. Seilwinden an der Giebelseite zogen das Korn auf die 'Bühne'. Unten versammelten sich die anliefernden Bauern mit ihren Eselkarren, ließen ihr Korn mit Scheffel und Spint genau messen und achteten auf eine exakte Quittierung ihres entrichteten Mahlzinses (ca. 1/20 der Kornmenge bzw. ein Geld-äquivalent). Die Mittelmühle wurde von einem dreigängigen Wasserrad angetrieben, dessen Hauptwelle in das Gebäude führte und dort über hölzerne Zahnräder und Getriebe den mächtigen Läuferstein über einen darunter befindlichen Ständerstein bewegte. Die Beschickung erfolgte von oben. Nur ein überaus bescheidener Anteil des Mühlengebäudes diente dem Müller als Wohnung. Wie noch heute zu erkennen, waren seine Zimmer äußerst eng, niedrig und dunkel, lagen übereinander und waren z.T. nur mit einholbaren Leitern zugänglich. Ihre Lage an der nördlichen Giebelwand diente der gleichzeitigen Kontrolle des als Stadtgefängnis dienenden, allabendlich vom Mühlenpförtner zu verriegelnden Mühlentors und der davor befindlichen Brücke über den Mühlengraben. Von hier aus blickte der Müller - über seinen kleinen Kräuter- und Blumengarten hinweg - auch auf die Burg an der Stelle des heutigen Mauritius-Gymnasiums und konnte die edelherrlichen Teich- und Deich-Anlagen zwischen Mühlengraben und Alme ebenso überwachen wie die unweit gelegenen, das fruchtbare Schwemmland nutzenden Gärten und 'Obstbaum-Höfe' bessergestellter Bürger. Für den Blick in die andere Richtung der Almeniederung - in Richtung Kloster Holthausen - musste er sich schon nach draußen begeben. Über einen kleinen Steg gelangte er auf die andere Seite des Mühlengrabens, dorthin, wo sich seit Ende des 16. Jhts. ein Zusatzgebäude befand, in dem - vom selben Mühlenrad angetrieben - eine Bohrmühle untergebracht war. Auch sie unterstand den Edelherren, da sie nicht allein der Bürgerschaft, sondern auch dem Haus Büren dazu diente, Holzröhren für die Versorgung der städtischen Brunnen (Kümpe) mit Frischwasser aus dem Mertenstal herzustellen. Als sich die Jesuiten als Haupterben des Moritz anno 1662 mit den edelherrlichen Seitenverwandten in einem vorläufigen Vertrag über den Nachlass einigen, finden die Mühlen besondere Beachtung: Während sie die Niedermühle samt benachbartem Eselskamp und unterstem großem (Fisch-) Teich den Verwandten zugestehen, bewahren sie sich - wie noch heute das steinerne Wappenrelief an der Außenmauer zu erkennen gibt - sämtliche Rechte an der wesentlich einträglicheren und wegen des 'Oberwassers' günstiger gelegenen Mittelmühle, als deren Zubehör nicht nur eine kleine Ölmühle, sondern auch zwei Tiergehege genannt werden. Während das Interesse an einer Ölmühle vor allem kirchenliturgisch motiviert war (Beleuchtung; Hlg. Öl), erscheinen die Tiergehege als Mühlenzubehör etwas rätselhaft. Allerdings muss man sich bewusst machen, dass die Mühlen-Abfälle ein überaus begehrtes Futter darstellten. Eine stattliche Anzahl Gänse, Hühner und Schweine gehörte zum Bild jeder Kornmühle. Ja sogar die edelherrlich Jagdhund-Meute war - lt. Urkunde (1371) - Kostgänger des Mittelmüllers. Denkbar ist daher, dass die genannten Viehgehege der Aufzucht von Lämmern, Kälbern oder gar Damwild und damit zur Bereicherung der Tafelfreuden mit Edelfleisch dienten - ähnlich wie der Fisch- und Krebsbestand des Mühlengrabens, für den sich aber die streitenden Erbparteien auf gemeinsame Nutzung einigten.

In der Zusammenschau dieser wahrlich sehr, sehr punktuellen Überlieferungen deutet sich eine Geschichte der Mittelmühle an, deren Vitalität die gesamte Alme-Aue prägte und deren damalige wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung für die Stadtbewohner nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Der Verlust der wirtschaftlichen Bindung machte aus ihrer Randlage ein Randdasein, ein unbeachtetes verstaubtes Kleinod hinter verwitterten Mauern, ein letztes stummes und kaum respektables bauliches Zeugnis einer einst kraftvollen Bürgerschaft der 'Hauptstadt Büren' in der Herrschaft Büren, trostlos dem Niedergang all ihrer anderen Mühlenschwestern an Alme und Afte nachtrauernd und dennoch bescheiden - im Bewusstsein ihres historischen Wertes - um Wiederbelebung jener Verbundenheit werbend, die ihr seit den ersten Tagen der Existenz Bürens von allen Schichten und Gruppen der Einwohnerschaft zuteil wurde.

von Dieter Schnell (Juli 2002)